Raus- und reinzoomen

Der Inhalt dieses Beitrages entspricht der persönlichen Meinung des Autors.

Ich kenne den ND bislang praktisch nur digital – als Neumitglied seit September 2020 war noch nichts Anderes möglich. Als wir uns das erste Mal als frisch gewähltes Geistliches Team getroffen haben, gibt das nur in der  Videokonferenz. Das war natürlich verbunden mit den klassischen Technik-Schwierigkeiten („Ja, jetzt hören wir dich!“ – „Ich kann aber gar nichts… ah, jetzt sehe ich euch!“). Und trotzdem – oder deswegen – waren wir schon sehr schnell in der Arbeit: Was heißt es, die spirituelle Dimension eines Verbandes, des ND in Corona-Zeiten in den Blick zu nehmen und zu bringen?

Inzwischen haben wir einige Erfahrungen gesammelt, die ich im Folgenden etwas dar- und zur Diskussion stellen möchte.

Gottesdienste – Corona als Ernstfall der Partizipation

Meines Wissens nach waren(/sind) die Gottesdienste des ND während der Corona-Zeit eine Besonderheit. Wer sonst kann sagen, dass an seinem/ihrem Aschermittwochsgottesdienst sicher 300 Menschen (wir hatten 197 Geräte zugeschaltet) teilgenommen hätten?!
Aus Gemeinden kenne ich in erster Linie Streaming-Gottesdienste. Auch  Fernsehgottesdienste haben ein neues Relevanzhoch erfahren. Demgegenüber haben wir Videokonferenz-Gottesdienste gefeiert, und zwar mit Absicht und – wie ich denke – mit Erfolg. Dabei sind ein paar Punkte deutlich geworden.

Selbst gemacht

Gestaltung des Drumherums der Feier wird uns sonst mehr abgenommen. Mit den Kirchen leisten wir uns große, teure (manchmal auch: wertvolle) Gebäude, die uns den Rahmen geben. Es ist dabei wie immer bei Strukturen: Sie können einengen und entlasten. Entlasten insofern sie einen Erfahrungsrahmen geben: Zuhause vor dem Bildschirm ist es meine Verantwortung, ob ich nebenbei mein Handy zur Hand nehme. Die Schwelle wäre beim Präsenzgottesdienst in der Kirche schon eine andere…

Nun sind in Fragen der Gestaltung eines passenden Ambientes die meisten von uns trainiert und wissen, dass es hilfreich ist, sich auch durch entsprechendes Licht und Kerzen eine passende Stimmung zu schaffen. Gerade als katholisch sozialisierter Mensch gehört die Inszenierung dazu. In Videokonferenz-Gottesdiensten kann jede und jeder diesen Rahmen für sich gestalten, muss dies aber auch.

Mitgemacht

Videokonferenzen verändern die Möglichkeiten der Kommunikation – nonverbale Kommunikation fällt weitgehend weg. Im Gottesdienst-Kontext bedeutet das, dass es den noch bewussteren Einsatz von Kommunikationsmöglichkeiten braucht. Selbst die vergleichsweise bescheidenen Ausdrucksformen gewohnter liturgischer Kontexte entfallen in der
Videokonferenz noch.

Auf der anderen Seite bieten sich neue Möglichkeiten. Wir haben das verschieden genutzt – mit der Einladung, vor dem Gottesdienst Bilder für eine Fürbitt-Meditation beizutragen, oder Anliegen über die Chatfunktion zu teilen. In Videokonferenzen sind alle Teilnehmenden „nah dran“, die Distanz der großen (Kirchen)Räume entfällt. Gleichzeitig ist auch hier die  Inszenierung durch den Raum zu bedenken: In einer Kirche fragt man sich selten, wer da gerade gesprochen hat – man sieht die Person am Mikrofon. In Zoom sieht man Gesicht und Namen, aber um die Funktion zu erschließen, fehlen die Hinweise aus dem Kontext, die wir zu entschlüsseln gelernt haben.

Geistlicher Impuls und Nachhall – Partizipation ist alles

Im Dezember überlegten wir im Geistlichen Team, was spirituelle Angebote im digitalen Setting bedeuten können. Dabei gab es zwei Gedanken: Erstens, dass es vor allem um Begegnung gehen müsste. Das ist ja das, was wir in Corona-Zeiten am meisten vermissen. Zweitens, dass es im Advent eine Vielzahl von Angeboten wie digitale Adventskalender gibt, die danach aber wegfallen, während Coronabedingt vieles dennoch noch nicht wieder möglich sein würde.

Aus diesen Überlegungen haben wir die Angebotskombination entwickelt, die wir seitdem wöchentlich wiederholen: Einen Impuls, der ab Montag durch die Woche begleiten kann. Wir wollten dabei keine wöchentliche Mail versenden, sondern eine Partizipationsmöglichkeit geben. Auf dem Padlet (das wie eine Pinwand funktioniert) haben wir die Möglichkeit, unter einem dauerhaften Link wechselnde Inhalte zu präsentieren und es gibt Reaktions-/
Gesprächs-/Austauschmöglichkeiten.

Inhaltlich war das Spektrum, wie beabsichtigt, von Anfang an sehr groß – kluge Sätze, Bilder, Videos, längere Überlegungen. Auch die Reaktionen waren sehr unterschiedlich in Menge und Gestaltung. Man kann sich anonym beteiligen, kann sich aber auch zu erkennen geben – hoffentlich eine niederschwelliger Einstieg!

Es gibt immer wieder die Frage, ob man die Impulse und die davon angeregten Reaktionen und Gespräche irgendwo speichern könne. Wir haben uns dagegen entschieden: Bis zum jeweils folgenden Montag gibt es die Gelegenheit, sich Gedanken herauszuziehen, Bilder zu speichern usw. Danach wird der Inhalt gelöscht und wir starten neu – das ist angesichts der Datenmenge, mit der wir uns alle zunehmend herumschlagen, vielleicht eher befreiend. Vergessen-Dürfen ist der neue Luxus, den wir uns hier gönnen.

Das zweite Element ist der „Nachhall“ am Ende der Woche: Jeden Samstag um 19.00 Uhr gibt es die Einladung, sich zu Gespräch zu treffen. Als Anlass wird der Wochenimpuls genutzt, aber es passiert das, was passiert. Es gibt kein Ziel, es gibt nur die Absprache, dass nach einer guten halben Stunde Schluss ist. Es gibt ein gemeinsames Vaterunser, häufig auch Fürbitten. Danach ist der Raum frei für weitere Gespräche für die, die bleiben möchten. Themen und Getränke sind frei wählbar. Man munkelt, es habe auch schon bis 23 Uhr Gesprächsstoff gegeben.

Das wöchentliche Treffen hängt auch an der Lockdown-Situation: Solange Kinos, Theater und Restaurants noch nicht geöffnet sind und keine Geburtstagsfeiern stattfinden, ist der Termin weiterhin realistisch. Ohnehin gilt aber für beide Angebote: Solange es Interesse gibt, können sie stattfinden. Beide benötigen geringe Anschubenergie: Sowohl für Wochenimpuls als auch für den Nachhall gibt es keine Vorgaben – die jeweils Verantwortlichen gestalten so und so viel sie möchten. Wir arbeiten ohne Messlatten, die auf irgendeiner Höhe liegen und übersprungen werden müssten.

Beide Formate hängen davon ab, dass sie von allen mitgemacht werden. Es gibt kein großes Formular und keinen weiteren Fahrplan. Inhalt ist das Gespräch und der Austausch… und damit gilt dann auch: Wenn niemand spricht, gibt es keinen Inhalt. Allerdings wäre wohl auch eine ND-Runde, in der niemand etwas beizutragen hätte, eine (egal ob digitale oder analoge) Neuheit.

Einladend sein?

Eine Schwierigkeit sehe ich darin, dass unsere Gottesdienste in Videokonferenzen nach außen „unsichtbar“, gar gewollt „unauffindbar“ sind. Aufgrund von Erfahrungen mit Störern nach veröffentlichten Teilnahme-Links wird geraten, die Zugangsdaten nur Eingeweihten zukommen zu lassen. Anders als analoge Gottesdienste, zu denen die Einladung quasi an die große Glocke gehängt werden, bleibt man so notwendigerweise unter sich.

Und: Wir leben vielleicht auch davon, dass wir die uns lange vertrauten Formen nutzen – ganz voraussetzungslos sind auch diese Formate nicht. Im Nachhall hat es sich etabliert, das schließende (die weiteren Gespräche einleitende) Vaterunser mit allseits „geöffnetem“ Mikro zu sprechen. Das damit provozierte „babylonische Sprachgewirr“ ist eine schöne Erfahrung der Gemeinschaft.

Nicht nur Brückentechnologie

Die Erfahrungen beim ND zeigen, dass die digitalen Formate mehr sind – oder zumindest sein können – als ein schlechter Ersatz. Sie ermöglichen. Das wird spätestens dann klar, wenn zu Veranstaltungen auch derzeit in Übersee lebende Bundesgeschwister teilnehmen. Gerade Gottesdiensten gibt das eine faszinierende Dimension.

Eine junge Bundesschwester stellte vor kurzem fest, dass ND für sie sonst „etwas an bestimmten Wochenenden im Jahr“ war – und jetzt auf einmal wöchentlicher Anker. Aus den bisherigen (digitalen) Erfahrungen lässt sich wohl nur das Plädoyer ableiten, zu versuchen, die Gewinne und Vorteile zu sehen, um sie nicht zu vergessen, wenn wieder mehr analog geht.

Meine bisherigen digitalen Erfahrungen machen mich jedenfalls auch neugierig auf den analogen ND – wobei ich als Neuling sicher vermissen werde, dass der Name immer so schön praktisch unter dem Gesicht angezeigt wird.

Autorin: Dr. Christina Kumpmann

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